„Morgen mache ich den Yogakurs …

… wenn noch ein Platz im Kurs frei ist. Aber nicht mittwochs, da bin ich im Chor und donnerstags hat die Tochter Ballett und montags mein Mann sein Basketballtraining. Dienstag ist gut, aber nicht so spät, wenn ich erst zu Hause auf dem Sofa sitze, dann kann ich mich auch nicht mehr aufraffen, das weiß ich genau und nicht zu früh, sonst schaffe ich es nicht vom Büro. Und eine Yogamatte muss ich mir noch kaufen und eine Hose, da gibt es doch so tolle ….“

Diese Aufschieberitis, das kennt man von sich selbst, von der Freundin, den Kollegen. Das ist halt so, menschlich eben. Wenn es ganz schlimm wird, dann nennen es die Psychologen „Prokrastination“, klingt wie eine Krankheit und kann auch eine sein. Aber meist ist ja nicht sooo schlimm. Meistens sind die Gründe ja alle wichtig und richtig! Als Yogalehrerin erfahre ich diese wichtigen Gründe mehrfach täglich. Und manchmal erscheint es fast wie ein Wunder, dass die Kurse sich füllen und dann alle auf der Matte liegen. Wow!
Die Yogameister kannten das natürlich auch und manchmal waren sie dann gar nicht einfühlsam, sondern ganz schön direkt. Von Swami Vishnu-devananda, einem außergewöhnlichen Yogameister, der 1957 in den Westen kam, berichten sein Schüler, dass er oft die Anweisung gab: „DIN“. Was nichts mit der „Deutschen Industrie Norm“ zu tun hat, sondern es steht für „Do It Now“- „Tu es jetzt“. Und Swami Vishnu muss zudem ein außergewöhnlich ungeduldiger Meister gewesen sein, eine andere Anweisung hieß: „DIY“, „Do It Yesterday“ – „Tu es gestern“, so dass seine Schüler lieber vermieden zu fragen, wann etwas fertig werden sollte. Wenn etwas „gestern“ fertig werden soll, ist das nicht die einfachste Zeitvorgabe.

Die Aufschieberitis muss schon vor circa 2.000 Jahren bekannt gewesen sein, denn einer der klassischen und im Westen bekanntesten Yogatexte beginnt: „Atha yoganushasanam“ – „ Jetzt wird Yoga erklärt“. Jetzt – „atha“, nicht irgendwann! So beginnt das Yoga Sutra, der Leitfaden des Yoga. Geschrieben von Patanjali, von dem man sonst eigentlich nichts weiß außer, dass er zwischen 600 Jahre vor bis 200 Jahre nach Beginn unserer Zeitrechnung gelebt haben muss. Was die Yogaschüler wohl damals als ganz, ganz wichtigen Grund anführten, wenn sie mal wieder nicht kommen konnten? Zurück zu Swami Vishnu-devananda. Der hatte noch einen Spruch: „MYOB“ – „Mind Your Own Business“ – „Kümmer dich um deinen Kram.“ OK, dass mach ich dann jetzt mal. Ich schnapp mir noch mal das Yoga Sutra, das kann man mehr als einmal lesen und zwar atha – jetzt!

Der Buch zum Yoga Sutra von Sukadev Bretz, dem Gründer von Yoga Vidya, ist wirklich gut zu lesen. Orientiert sich am Originaltext , ist aber ganz lebenspraktisch erklärt und Sukadev schildert viele Beispiele aus seinem Leben mit Swami Vishnu-devananda, dessen Schüler er zwölf Jahre lang war.
Sukadev Volker Bretz: „Die Yogaweisheit des Patanjali für Menschen von heute“, Verlag Via Nova.

Mehr zu Swami Vishnu-devananda erfährt man aus dem Buch „ Der Yogi“. Eine Sammlung von Erlebnissen seiner Schüler mit ihm. Gopala Krishna: „Der Yogi. Portraits von Swami Vishnu-devananda“, Yoga Vidya Verlag.

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